Jurybegründung Ibsen-Preis 2014

Peter Handke. Photo: Bjørn Kjetil Undem

 

Man kann sich Peter Handke gut als den Antipoden des Dramatikers Henrik Ibsen vorstellen: Er ist der Epiker, der erfindungsreiche, auch durch seine Übersetzungen an der Antike geschulte Erzähler auf der Bühne. Während Ibsens Dramen auf eine perfekte Geschlossenheit der Form hinauslaufen, ist die Geste des Dramatikers Handke eine der Öffnung, des offenen, sich selber als Theater herzeigenden Spiels. Und doch ist beiden Künstlern vieles, und vielleicht Zentrales gemein: Ihr Entdeckersinn. Die Fähigkeit, Sonde im Gesellschaftsgefüge zu sein. Ihr Fernsein vom eigenen Heimatland und doch unablässiges Arbeiten an einem möglichen Begriff von Heimat und einer ihm angemessenen Literatur. Sie sind vernarrt in Illusionen. Musik ist ihnen Lebenselement und Erkenntnismittel zugleich. Und vielleicht rührt daraus auch die Fähigkeit beider Künstler, vor allem Strukturen sprechen zu lassen: Ihr Staunen über eine Beobachtung im flüchtigen Lebenszusammenhang ist der Ausgangspunkt, und sie machen diese Lebenswelt plötzlich bühnentauglich – zum Element einer bis dahin im Theater noch nie vernommenen Sprache. Wie ein Mensch zugrunde geht, ihm eine Form spiritueller Erleuchtung zuteil wird oder der Partisanenkampf eines Volkes nicht zur Befreiung, sondern zu seiner Tragödie führt - beide Künstler haben, bis ins fortgeschrittene Alter hinein, für solche Beobachtungen immer wieder erneuernde Erzählformen für die Bühne ersonnen, mit denen ihr literarisches Werk der Theaterpraxis stets einen Schritt voraus war, visionär wirkte und sich als szenische Phantasie bewährte.

Mit der Verleihung des Ibsen-Awards 2014 an Peter Handke wird dieses poetische Staunen geehrt. Es führte zu bis dahin kaum für möglich gehaltenen Werkformen wie seinen „Sprechstücken“, seinen Entwürfen eines neuen „Welttheaters“, völlig stummen Stücken oder großen Monologdramen. Peter Handkes Theaterwelt umfasst den Beat und Geist des Pop genauso wie den lyrischen, auf Verwandlung der Hörer zielenden Ton des  Dramatischen Gedichtes. Dabei ist der Dramatiker Peter Handke kein Autor, den das Theater hervorgebracht hat – er war kein Schauspieler, Dramaturg oder Regisseur, sondern er ist ein Künstler, der als Erzähler ein Gespür fürs Verhängnis und zugleich für die abstrakten Formen besitzt, durch die eine den Menschen bedrohende (oder ihn erhebenden) Macht im Leben erscheint. Und so gelang es ihm, eine eigene Form von Theater hervor zu bringen – eine frische Art der Darstellung, selbstbewusst künstlich und unmittelbar zugleich.

Wenn Ibsen der vielleicht mustergültige Dramatiker des bürgerlichen Zeitalters war, und dieses ist nicht vorbei, so ist Peter Handke auf den Bühnen gewiss ihr bedeutendster Epiker. Es gelingt ihm in all seinen Stücken, die Realität des Theaters sichtbar zu machen, und zwar als eine Realität, die keine Illusion erzeugen will, die also nicht die Welt nachbildet, sondern selber eine ist. Und in ihr kann der Dramatiker Handke wie einst Nestroy oder Calderon eine ganz eigene Mischung schaffen aus Zaubertheater und Thesenstück, Familiendrama und Tragödie. Er hat in den fünfzig Jahren seines Schreibens die dramatische Literatur so oft, überraschend und radikal neu definiert wie kein anderer lebender Dichter. Dabei ist sein Schreiben von einer offensichtlichen Kontinuität geprägt: Die Selbstverständlichkeiten des Theatermilieus, aber auch unserer sprachlichen Konventionen und Herrschaftsstrukturen, wurden ihm nie selbstverständlich, sondern ein Gegenstand der Analyse.

So entstand die vielleicht wichtigste epische Literatur des Theaters nach Brecht: Über seine Sprechstücke im Rhythmus des Beat führt sie zu neuen, parabelhaften Theaterformen wie „Kaspar“ oder bewegten tableaux vivants wie „Die Stunde da wir nichts voneinander wußten“, in dem Peter Handke hunderte von Figuren auftreten lässt. Ein klassisch gut gebautes Stück über Kapitalisten von heute wie „Die Unvernünftigen sterben aus“ steht neben Spielarten eines modernen Welttheaters wie „Die Fahrt im Einbaum“ oder dem „Spiel vom Fragen“. Seit Jahrzehnten erforscht Peter Handke eine slowenisch-kärntnerische, und somit auch autobiografisch grundierte Familienkonstellation, als könne es nur der Literatur gelingen, den Figuren jenen Frieden zurück zu erstatten, den ihnen die Geschichte raubte – davon handeln die Stücke von „Über die Dörfer“ über „Zurüstungen für die Unsterblichkeit“ bis hin zu einem Meisterwerk wie „Immer noch Sturm“.

Der Ibsen-Award ehrt in diesem Jahr ein an formaler Schönheit und brillanter Reflexion beispiellos reiches Bühnenwerk. Peter Handke erwies sich darin als Kosmopolit, der im eigenen Schreiben die Weltliteratur fortschreibt und der Vielfalt menschlicher Geschichte und Geschichten Raum und Schutz gibt. Sein Schreiben erzeugt Offenheit, macht Mut zur Selbstgestaltung und entwickelte über die Jahre immer mehr Vertrauen zum Bruchstückhaften und lässig Angedeuteten. Wie Shakespeares Prospero schuf sich Peter Handke mit seinen Stücken eine Insel, auf der er freisetzen konnte, was er zwischen Alaska und Slowenien, der Vorstadt und den Begegnungen mit den eigenen Ahnen aufgesammelt hat. So schuf Peter Handke über ein halbes Jahrhundert hinweg die wohl ungewöhnlichste Form von Klassik nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und schafft sie weiterhin.

Oslo, den 20.03.2014